Das Retina-Display im „neuen iPad“ (3. Generation) ist eine Wucht. Durch die verdoppelte Zahl und Dichte an Pixeln sowie die gesteigerte Sättigung des Displays entsteht ein wesentlich hochwertigeres Benutzererlebnis. Das ganze ist vergleichbar mit dem Aha-Effekt bei der Einführung des Retina-Displays auf dem iPhone. Nur dass wir es jetzt beim iPad mit einem wesentlich größeren Display zu tun haben, das in Abmessung, Proportion und Anmutung vielen gedruckten Produkten nicht unähnlich ist. Das neue iPad setzt hier einen Benchmark, der Fragen aufwirft zu Nachhaltigkeit und technischer Umsetzung unserer bisherigen Digital Publishing- und Online Publishing-Strategien.

Wie auf Retina-getriebenen iPhones merkt man auch auf dem neuen iPad ganz deutlich, ob App-Interfaces oder Inhalte für das neue Display optimiert wurden oder nicht. Ein gutes Beispiel sind die Icons der Apps (Screenshots jeweils vom neuen iPad in Originalgröße und ohne zusätzliche Kompression):

Dieser Unterschied wird sich mit der Zeit egalisieren, da viele Entwickler entsprechend optimierte Versionen ihrer Apps bereitstellen werden. Spannender ist die Frage nach der Qualität der Inhalte, die innerhalb unserer Apps und Webseiten ablaufen.

Ein Blick auf große Publikumsseiten wie spiegel.de zeigt: Das Web ist noch nicht ausreichend vorbereitet auf Displays, die mit Offsetdruck-ähnlichen Auflösungen arbeiten.

Screenshot aus Platzgründen neu arrangiert

Die New York Times hat zum Launch des neuen iPads eine überarbeitete Version ihrer App herausgebracht die mit Retina-optimierten Bilder aufwartet. Apple hat begonnen seine Website neben den klassischen Bildern zusätzlich mit hochauflösenden Fassungen auszustatten. Unterstellt man, dass das neue iPad ein ähnlicher Verkaufserfolg wird wie die Vorgängerversionen, wird es Zeit sich im Screen-Design vom „heiligen 72 ppi-Mantra“ zu verabschieden. Es ist interessant, dass durch das Retina-Display einige Entwicklungen zusammengeführt werden, die in den letzten Jahren im Online-Publishing zu beobachten waren:

  • Bilder: 72 ppi und die daraus abgeleiteten Pixelgrößen sind zu wenig um auf Retina-Displays in Tabletgröße ein wirklich überzeugendes Nutzererlebnis bieten zu können, das den Vergleich mit entsprechend optimierten Bildern standhält. Auch die rechnerischen 264 ppi des neuen iPad müssen nicht das Maß der Dinge sein, da Inhalte auf dem iPad mit den bekannten Gesten laufend vergrößert und verkleinert werden. Wenn die Qualität der Bilder steigt könnte der abschätzige Spruch von Printlern im Web gäbe es nur „Schund-Bilder“ bald der Vergangenheit angehören.
  • Bandbreite: Höhere Bildqualität in Online-Medien wird überhaupt erst vernünftig möglich durch die in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigerten Datenübertragungsraten im Internet.
  • Vektoren: Logos und Symbole sind auf dem Screen heute meistens Bilder. Vektorbasierten Web-Dateiformaten (etwa SVG) wird durch Retina-Displays möglicherweise wieder ein Schub verliehen.
  • Fonts: Das Webfonts bereits einige Akzeptanz erreicht haben, kommt ebenfalls zu pass. Wer andere Schriften zeigen will als die Standard-Fonts muss nicht länger zwingend auf Bilder zurückgreifen.
  • HTML5 und CSS3: Die beiden Buzzwords der letzten Zeit. Nur ein Beispiel, wie diese Schlüsseltechnologien hochauflösenden Displays zu gute kommen: Mussten runde Ecken oder Verläufe bisher immer aus mehreren Bildern zusammengekachelt werden, lassen sich diese mit CSS3 vektorisiert programmieren.

Generell kann man sagen: Online wird vektorisierter, skalierbarer und hochauflösender. Fast könnte man meinen, dies sei ein (weiterer) Hintergedanke bei der Anti-Flash-Kampagne von Apple gewesen. Die Fortschritte von HTML5 fügen sich jedenfalls nahtlos in das technische Puzzle, das Retina-Displays heute ermöglicht.

Wie sieht es mit dem Markt an Digital Publishing Lösungen aus, die sich mittlerweile zu einem spannenden Geschäftsfeld sowohl für Softwarefirmen als auch für Medien- und Marketingdienstleister entwickelt haben? Wie sind diese Lösungen auf das neue Display vorbereitet?

Der erste Blick fällt ernüchternd aus. Ich möchte gleich vorweg schicken, dass nicht erwartet werden kann, eine Woche nach Vorstellung des neuen iPads bereits schlüsselfertige Lösungen für das Retina-Display parat zu haben. Andererseits geht das Digital Publishing jetzt in das zweite Jahr und das Retina-Display ist eine Nagelprobe wie nachhaltig die bisher getroffenen technologischen Architekturentscheidungen waren.

Fast keines der vielen digitalen Magazine in meinem Archiv schaut auf dem neuen iPad gut aus. Das beschränkt sich leider nicht nur auf Bilder und grafische Elemente, auch Text ist in der Regel verpixelt und macht so kaum Spaß zu lesen. Je nach gewählter Typographie erinnert die Textwiedergabe an längst vergangen geglaubte Computer-Zeiten.

Die obige Abbildung stammt aus dem App von Wired und wurde mit Adobe Digital Publishing Tools erstellt. Der Grund für die schlechte Darstellung des Textes ist, dass er intern nicht als Text hinterlegt ist, sondern als Bild im PNG-Format. In der Tat werden alle Seiten aus PNGs zusammengesetzt, die natürlich in der Auflösung von Nicht-Retina iPads angelegt sind. Über die Sinnhaftigkeit mit PNGs als Darstellungs-Basis zu arbeiten habe ich mich bereits an anderer Stelle ausgelassen. Aus meiner Sicht bricht dieses Konzept mit Retina-Displays vollends in sich zusammen.

Adobe hat in diesem Zusammenhang ein Support-Dokument veröffentlicht: http://blogs.adobe.com/indesigndocs/2012/03/guidelines-for-creating-folios-for-ipad-3.html Darin – und nochmal: von den Software-Anbietern zum jetzigen Zeitpunkt mehr zu verlangen wäre Unsinn – werden im Prinzip zwei Strategien beschrieben:

  • Jeweils ein Layout für hoch- und „niedrig“-auflösendes Gerät anlegen. Das entspricht auch technisch in vielen Details dem, was App-Entwickler heute machen, wenn sie ihre Interfaces für Retina-Displays optimieren.
  • PDF als Basis für die Seite zu verwenden. Dadurch werden die Nachteile von PNG egalisiert (siehe auch wieder hier), vor allem bleibt Text Text und Vektoren bleiben Vektoren.

Adobe hat in den letzten Versionen die Möglichkeiten von PDF als Hintergrund-Format in Folio-Dateien stetig ausgebaut. Einem solchen Einsatz steht also nichts mehr im Wege. Quark setzt mit seiner App Studio Lösung standardmäßig auf PDF als internes Format. Auch hier sind also die Weichen für ein passendes Rendering auf Retina-Displays gestellt. Das smarte an PDF ist nicht nur die Erhaltung der Objekttypen, auch die Bildauflösung kann in der gewünschten Qualität hinterlegt werden. So können Sie mit hochwertigen (Print-)Bildern arbeiten, und diese beim Export in die gewünschte Qualität downsampeln lassen. Dadurch müssen auch keine zwei Versionen des digitalen Magazins bereitgestellt werden (ein Aspekt hierbei ist jedoch die zusätzliche Datenmenge sowie der höhere Rechenaufwand beim Skalieren der Objekte – dies muss im Einzelfall getestet und abgewogen werden).

Also alles super im Digital Publishing mit PDF als Basis? Leider nein. Erste Tests auf dem neuen iPad zeigen in digitalen Magazinen, die auf PDFs basieren, ebenfalls grobe Verpixelungen. Dies gilt sowohl für Adobe als auch für Quark. So sieht etwa ein mit Quark App Studio erstelltes Magazin aus, das intern aus PDFs besteht:

Über dem Text befindet sich als Vergleich, was möglich wäre, ein Screenshot, der als „Anreicherung“ angelegt ist. Dieser wird hochauflösend wiedergegeben.

Über die Gründe für dieses bei beiden Anbietern gleichen Verhaltens kann aktuell nur spekuliert werden. Es ist zu hoffen, dass diese Hürde bald aus dem Weg geräumt wird. Die Grundlagen für ein adäquates Ausnutzen des Retina-Displays wären mit PDF als Basis jedenfalls gelegt.

Für mich ist das Retina-Display auf dem neuen iPad kein Grund die bisher gewählten Pfade im Digital Publishing in Frage zu stellen. Mit PDF als Datengrundlage lassen sich die neuen Herausforderungen meistern. Komplett Bild-basierte Seitenrenderings sind jedoch konzeptionell am Ende – die Datenmenge vervierfacht sich hier in jedem Fall. Bei PDF-Lösungen muss dagegen besonders bei text-orientierteren Publikationen mit keiner signifikanten Erhöhung des Datenvolumens gerechnet werden. Abseits davon, und unabhängig vom Retina-Display, stellt sich natürlich weiterhin die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, statische Container (und das sind PDFs auch) als Grundlage für interaktive Magazinwelten zu verwenden. Smartere Lösungen mit adaptiven Layouts und HTML5-basierten Umsetzungen befinden sich in den Laboren. Der Markt wird sich zügig einfordern – egal ob niedrig oder hochauflösend.

 

Georg Obermayr